Dr. Jürg Schiltknecht ist ein ausgewiesener Experte für Unternehmenstransformation und Restrukturierung. Seit zehn Jahren leitet er als CEO die Baloise in Deutschland, für die er zuvor zwei Jahre als CFO tätig gewesen war. Unter seiner Ägide durchlief das Unternehmen eines der umfassendsten Erneuerungsprogramme auf dem deutschen Markt. Er ist überzeugt von der zentralen Bedeutung engagierter Mitarbeitenden und starker Vertriebspartnerschaften für den Erfolg. Schiltknecht ist Jurist und seit 1996 in der Versicherungsbranche tätig. Bevor er zur Baloise kam, war er für die Zurich und PWC tätig gewesen.


Helvetia Baloise ist im Dezember 2025 aus dem Merger der beiden Schweizer Versicherer Helvetia und Baloise entstanden. Mit einem Geschäftsvolumen von 20 Mrd. CHF in acht Ländern und einem globalen Specialty-Geschäft ist Helvetia Baloise die zweitgrößte Versicherungsgruppe der Schweiz und gehört zu den führenden Versicherern in Europa. Die Deutschland-Töchter der Helvetia und der Baloise sind seit über 160 Jahren am Markt und werden ihre Dienstleistungen und Services bereits ab dem 1. Mai harmonisiert im Maklerkanal und ab 1. Juli im Exklusivvertrieb anbieten.
Bei der Fusion von Helvetia und Baloise wird der Einsatz von Technologie eine zentrale Rolle spielen. Die wirtschaftliche Stagnation und die zunehmende Alterung Deutschlands stellen bedeutende Herausforderungen dar, die durch Überregulierung noch verschärft werden.
Künstliche Intelligenz wird zu disruptiven Änderungen führen. Schiltknecht sieht darin eine Technologie, mit der Versicherer Prozesse effizienter machen können.
Michał Trochimczuk: Die letzten 25 Jahre: Was waren die wichtigsten technologischen Entwicklungen in den letzten 25 Jahren und welche Bedeutung hatten sie für das Geschäft von Baloise in Deutschland?
Dr. Jürg Schiltknecht: Das Jahr 2000 war geprägt vom Platzen der Dotcom-Blase. Gleichzeitig wurde das Internet jedoch populärer und die Digitalisierung zog ein in den Alltag der Menschen. Das World Wide Web hat in den letzten 25 Jahren auch die Finanzdienstleistungs-Branche nachhaltig verändert. Vergleichsportale werden von vielen Kunden genutzt, Informationen und Ratgeber sind im Web abrufbar. Auch Vermittler integrieren die Online-Angebote in die Beratung ihrer Kunden. Dadurch hat sich die Informations-Asymmetrie zwischen Versicherer und Endkunden deutlich reduziert. Gleichzeitig wurde das Smartphone immer beliebter und hat das Konsumverhalten deutlich verändert. In den Jahren seit 2000 hat auch ein Umdenken bei den Versicherern in Bezug auf die Kernsysteme stattgefunden. Statt Eigenentwicklungen werden heutzutage eher Branchenanbieter gewählt, die Systeme für die Branche (weiter-) entwickeln. Bei Helvetia Baloise in Deutschland haben wir uns beispielsweise für Guidewire im Bereich Nichtleben entschieden und lösen damit eine in die Jahre gekommene Eigenentwicklung ab.
In den letzten Jahren waren InsurTechs als neue Revolution im Versicherungswesen zu beobachten. Allerdings hat sich hier die anfängliche Euphorie inzwischen deutlich gelegt. Trotzdem hat das die Finanzdienstleistungsbranche positiv beeinflusst hinsichtlich Geschwindigkeit und Kundenorientierung von IT-Anwendungen. In Zukunft wird die KI zu disruptiven Veränderungen führen. Noch scheinen die meisten auf der Suche nach den für alle Beteiligten nutzenstiftenden Anwendungsfällen zu sein. Ich bin jedoch überzeugt, dass sie zeitnah kommen.
Michał Trochimczuk: Die Welt steht derzeit vor zahlreichen geopolitischen, wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen. Welche hältst Du aus Sicht der Baloise in Deutschland für die wichtigsten? Wie gehst Du diese an?
Dr. Jürg Schiltknecht: Die wirtschaftliche Lage von Deutschland beschäftigt uns sehr. Seit mehreren Jahren stagniert das Land. Das sind keine guten Voraussetzungen. Wir hoffen jedoch, dass wir bald wieder positive Entwicklungen sehen werden. Wir fokussieren uns auf bestimmte Ziel-Sparten, in denen wir weiterhin profitables Wachstum erwarten. In diesen wollen wir mit attraktiven Produkten, Top Service und einem hoch engagierten Team punkten. Das gelingt uns bisher sehr gut. Eine weitere Herausforderung sind die immer zahlreicheren Vorschriften und Regulierungen, die auf die Versicherungswirtschaft einwirken. Zum Beispiel im Bereich ESG besteht ein Formalismus, bei dem man sich manchmal schon fragt, ob er inhaltlich gerechtfertigt ist. Das soll Sicherheit und Fairness gewährleisten, bringt jedoch oft vor allem zusätzliche Kosten. Hier könnte weniger mehr sein. Lieber weniger Vorschriften, die gut formuliert und konsequent umgesetzt werden, als immer mehr Vorschriften. Der Zusammenschluss von Helvetia und Baloise hilft uns auch dabei, die immer höheren Anforderungen zu erfüllen.
Michał Trochimczuk: Welche Veränderungen werden die Versicherungsbranche in den kommenden 25 Jahren am stärksten beeinflussen? Was erwartest Du dadurch für das zukünftige Geschäft der Baloise in Deutschland?
Dr. Jürg Schiltknecht: Wir blicken trotz oder gerade wegen der bevor stehenden Veränderungen optimistisch in die Zukunft. Vor allem KI wird den Markt deutlich verändern. Wir wollen die Chancen nutzen, die sich daraus ergeben, denken, dass sich dieses Feld noch sehr dynamisch entwickeln wird und zu grundlegenden Veränderungen führt. Auch das Thema Demographie wird sich weiter verschärfen. Die Überalterung der Gesellschaft schreitet auch die nächsten Jahre unumkehrbar weiter voran und wird die Sozialsysteme zunehmend belasten. Dazu bieten die private Versicherungsbranche und Helvetia Baloise attraktive Lösungen an. Denn der Staat kann und will nicht alles allein finanzieren. Deshalb wird die Bedeutung der privaten Altersvorsorge weiter steigen. Auch der „War for Talents“ nimmt weiter zu. Die Versicherungsbranche wird weiter darum kämpfen müssen, sich als attraktive Option bei potenziellen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu positionieren. Meiner Meinung nach wird die Versicherungsbranche an Attraktivität gewinnen aufgrund ihrer Resilienz und Beständigkeit in einer sich immer rascher ändernden Gesellschaft.
Michał Trochimczuk: Helvetia und Baloise streben im Rahmen des Fusionsprozesses jährliche Synergien in Höhe von 350 Millionen CHF für die gesamte Gruppe an. In welchen Bereichen willst Du diese Synergien in Deutschland erzielen und wie wird sich die Fusion auf die IT-Strategie von Baloise in Deutschland auswirken?
Dr. Jürg Schiltknecht: Wir werden durch die Fusion ein noch relevanterer Player und sind nun ein Top 10 Maklerversicherer im deutschen Markt und haben zusammen eine deutlich größere Ausschließlichkeit. Wir wollen weiterhin profitables Wachstum in unserer Fokus-Sparten erzielen und unsere Kostenbasis durch den Zusammenschluss optimieren. Über ein Freiwilligen-Programm senken wir die Personalkosten und sorgen für Sicherheit in der Belegschaft. Zudem werden wir die Sachkosten reduzieren durch Vermeidung von Doppelaufwänden. Unsere Strategie, die IT-Landschaft zu erneuern, werden wir konsequent fortführen. Mit Investitionen, die wir bereits in Erneuerungen getätigt haben wie z.B. in Guidewire, erzielen wir dank der neu gewonnenen Größe eine noch bessere Hebelwirkung.
Michał Trochimczuk: Die Baloise hat in der Schweiz früh mit KI-unterstützten Sprachassistenten im Kundenservice gearbeitet. In welchen Bereichen siehst Du weitere Einsatzmöglichkeiten von KI? Wird man mit KI den sich abzeichnenden Rückgang in der Zahl der Mitarbeiter kompensieren können?
Dr. Jürg Schiltknecht: Wir sehen sehr große Chancen durch den Einsatz von KI. Der Zusammenschluss von Helvetia und Baloise ermöglicht uns, das Knowhow und die Kompetenzen der Mitarbeitenden beider Häuser noch besser zu nutzen. Wir entwickeln attraktive Use Cases mit KI in den Servicebereichen und der technischen Exzellenz. Im Bereich Betrugserkennung konnten wir mit KI bereits deutlich bessere Ergebnisse erzielen. Auch im Lead Management konnten wir mit KI-Tools die Qualität bereits deutlich verbessern. Grundsätzlich stehen wir der KI sehr positiv gegenüber und sehen es als Technologie, mit der wir unsere Prozesse effizienter machen können. Die Mitarbeitenden können sich dann noch besser und schneller um die Vertriebspartner, Kunden und deren individuelle Bedürfnisse kümmern. Unser Ziel ist, dass alle davon profitieren.